Was ist eigentlich EMDR? Wie läuft die Therapie ab?

Die Abkürzung EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing.

Was bedeutet das?
Der Klient, während er gleichzeitig mit seiner Wahrnehmung auf einen bestimmten inneren Fokus gerichtet ist, folgt mit seinen Augen den Fingern des Therapeuten, daher die Abkürzung EMDR. Der Therapeut macht dabei Handbewegungen abwechselnd von rechts nach links.
Die Augenbewegungen des Klienten gleichen dabei in etwa denen, die auch beim REM-Schlaf stattfinden. Das ist die Phase des Schlafes, in der die Verarbeitung der Ereignisse vom Tag stattfindet. Durch die Augenbewegungen, auch bilaterale Stimulation genannt, werden beide Gehirnhälften aktiviert und synchronisiert. Das Gehirn wird dazu angeregt, Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und die belastenden Erinnerungen, wie z. B. Bilder und Gefühle zu verarbeiten.
Inzwischen werden neben den ursprünglichen Augenbewegungen auch auditive und kinästhetische Stimulationsformen alternativ für die bilaterale Stimulation angewandt.

Und was passiert durch die bilaterale Stimulation?
Die Belastung nimmt von Sitzung zu Sitzung immer mehr ab, sie löst sich durch den EMDR-Prozess auf. Infolgedessen kann die Ausgangssituation, die Erinnerung an Bilder und die damit zusammen hängenden Gefühle, vom Klienten anders wahrgenommen werden. Er kann nun emotional unbelastet und angemessen auf das Geschehen blicken.
Der Ursprung dieser Methode ist in der Psychotraumatherapie zu finden. Inzwischen gehen die Anwendungsgebiete für EMDR aber darüber weit hinaus.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben belegt, dass bereits nach wenigen Sitzungen die Belastung der Klienten abgenommen hat.
2006 hat der wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie festgestellt, dass EMDR als Psychotherapiemethode als wissenschaftlich anerkannt gelten kann.

Was sind die Anwendungsgebiete für EMDR?

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) war die ursprüngliche psychische Störung, die mit EMDR erfolgreich behandelt werden konnte. Inzwischen sind etliche weitere Störungen und Belastungen hinzugekommen:

  • Anpassungsstörungen als Auswirkung auf belastende Lebenserfahrungen
  • Angst- und Panikstörungen
  • Phobien
  • psychophysische Erschöpfungssyndrome
  • Depressionen
  • Psychosomatische Erkrankungen
  • Allergien
  • Chronische Schmerzen
  • Substanzgebundene Süchte (vor allem als Traumafolgestörung)
  • Starke Trauerreaktion nach Verlusterlebnissen
  • Entwicklungs- und Verhaltensstörungen von Kindern
  • Unerwünschte Verhaltensmuster

Was ist ein Trauma?

Im ICD-10 (internationale Klassifikation der Krankheiten der WHO) heißt es unter F43.1 (posttraumatische Belastungsstörung), dass Traumata kurz oder lang anhaltende Ereignisse oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem tief greifende Verzweiflung auslösen würde, sind.

Ziemlich genau auf den Punkt bringt es Frau Prof. Dr. Luise Reddemann: “Unter einem Trauma können wir eine Situation verstehen, in der ein Mensch vollkommen hilflos, vollkommen ohnmächtig einem Geschehen ausgeliefert ist, das er nicht beeinflussen kann“.

Für mich liegt bereits dann ein Trauma vor, wenn sich ein Mensch in seiner eigenen subjektiven Wahrnehmung traumatisiert fühlt.

Wer ist Dr. Francine Shapiro?

Dr. Francine Shapiro ist amerikanische Psychologin, Gründerin von EMDR und außerordentliches Forschungsmitglied im Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto (Kalifornien).
Sie entdeckte 1987 eher zufällig den entlastenden Effekt von Augenbewegungen. Danach folgten intensive Studien, zuerst mit Freunden, dann mit den ersten Klienten und schließlich gezielt mit Traumapatienten, wie Vietnam-Veteranen, Missbrauchsopfern und anderen Personen mit PTBS. Inzwischen ist EMDR weltweit anerkannt und wird erfolgreich angewandt.